Kapitel 1: Eiskeller und Eishäuser

Eiskeller Dahlem-Dorf


Abb. 1-01: Zugang zum Eiskeller Dahlem-Dorf



Abb. 1-02: Innenraum Eiskeller Dahlem-Dorf


Mitten in der Königin-Luise-Straße in Berlin-Dahlem liegt ein kleiner Eingang. Wie viele Berliner sind an diesem Zugang schon vorbeigefahren und haben sich schon gefragt, worum es sich hierbei handelt? Ein Blick in die Denkmalliste des Landes Berlin gibt die Erklärung. Hier befindet sich einer der ältesten Eiskeller in unserer Region aus dem Jahr 1709, der für das damalige Rittergut Dahlem errichtet wurde. 1841 wurde das Rittergut vom Staat Preußen erworben und bis 1945 als Domäne Dahlem weiterbetrieben. Heute befindet sich hier das gleichnamige Freilichtmuseum.

Eine schmale Kellertreppe führt etwa zwei Meter in die Tiefe. Unten angekommen betritt man einen großen ringförmigen Raum mit einem Durchmesser von knapp 10 Metern. In seiner Mitte befindet sich der 15 Meter hohe Eisraum, der knapp sechs Meter Durchmesser besitzt. Über der Eisgrube erstreckt sich eine fast fünf Meter hohe Gewölbekuppel, an deren Scheitelpunkt sich früher eine Öffnung zum Einwerfen des Eises befunden haben soll.

Unbekannt ist, wie lange hier Eis gelagert worden ist. 1846 wurde ein weiterer nicht mehr vorhandener Eiskeller für die Domäne erbaut, der alte Eiskeller aber scheinbar ebenfalls zu diesem Zeitpunkt renoviert. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er „von der Besatzungsmacht zur Anlegung einer – Champignonzucht mit elektischem Licht vrsehen![1952/01] Diese hat es bereits 1952 nicht mehr gegeben. Der Eiskeller steht inzwischen seit Jahrzehnten leer. Von der Decke hängen einige Wurzeln herab. Sie haben sich allmählich durch die Fugen im Mauerwerk gearbeitet und können im Laufe von Jahrzehnten die Wände zerstören. Gleichzeitig öffnen sie dem Wasser den Weg, das im Winter Frostsprengungen verursachen kann. Der Eiskeller dient heute nur noch als Überwinterungsquartier für Fledermäuse, wozu an der Wand Hohlblocksteine angebracht wurden. Außerdem befinden sich in der Eingangstür kleine Einfluglöcher.

Am Dahlemer Eiskeller zeigen sich wegen seines hohen Alters auch wesentliche Konstruktionsmängel. So ist der Eiskeller zwar durch das Erdreich gegen die Sommerhitze geschützt. Das Erdreich besitzt aber das gesamte Jahr hindurch eine relativ konstante Temperatur von 6 bis 9 °C. Gegen die Erdwärme ist der Eiskeller nicht isoliert. Das zweite Problem ist der tief liegende Eisraum. Sobald das Eis soweit abgeschmolzen ist, dass seine Oberkante nicht mehr an den Fußboden des Vorraumes reicht, wird der Vorraum nicht mehr ausreichend gekühlt, da sich die kalte und damit schwerere Luft in der Grube sammelt.

Bauliche Anforderungen


Abb. 1-03: Eiskeller der klinischen Universitätsanstalten zu Kiel (um 1884).
A = Eisraum, B = Eingangsschleuse, C = Luftschicht zur Isolierung, D = Erdanschüttung.


Bereits im 18. Jahrhunderts gab es Fachliteratur (siehe Kapitel 7), die die baulichen Anforderungen an einen Eiskeller beschrieb. Die Technik wurde bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts weiterentwickelt.

Der Eiskeller sollte eine kühle, geschützte und trockene Lage in nicht zu weiter Entfernung von der Verbrauchstelle erhalten.

Die Südseite des Eisbehälters sollte entweder durch den Schatten eines benachbarten Gebäudes oder durch die Anpflanzung Schatten spendender, schnellwüchsiger Bäume und Sträucher vor der Einwirkung der Sonnenstrahlen geschützt werden.

Der Eingang sollte nach Norden liegen und sollte möglichst klein und hoch liegend angeordnet werden, damit beim Betreten möglichst wenige Wärme in das Bauwerk eindringen kann. Der Zugang erfolgt über eine Eingangsschleuse mit zwei oder besser drei hintereinander liegenden dicht schließende Türen.

Fenster sollten nicht vorhanden sein oder nur in Form kleiner nach Norden gerichteter Oberlichter, die durch mehrfache Glasscheiben gegen die Außenwärme isoliert sind.

Der Eisbehälter sollte gegen die Bodenwärme sowie die warme Außenluft gesichert werden. Es eigneten sich hierzu etwa ein Meter starke Ziegelmauern mit mehreren Luftschichten von 8 Zentimetern Stärke. Die Luftschichten konnten auch mit Torfmull, porösen Schlacken oder Schlackenwolle ausgefüllt werden.

Der Eisraum sollte möglichst in Zylinderform oder Halbkugelform konstruiert werden, da hier ein besseres Verhältnis von Oberfläche zum Inhalt bestand als bei einem rechteckigen Raum. Gleichzeitig bot der runde Grundriss gegenüber dem seitlichen Erddruck einen besseren Widerstand.

Der Eiskeller durfte nicht in einer Mulde oder einem Überschwemmungsbereich stehen, um Grund- und Regenwasser fernzuhalten.

Das Schmelzwasser musste leicht abzuleiten sein, möglichst unter Anwendung eines Wasserverschlusses (Schwanenhals), um den Eintritt warmer Luft durch die Ableitung zu verhüten. War der Untergrund sehr durchlässig (zum Beispiel Kies- oder Sandboden) so konnte das Schmelzwasser direkt versickern.

Eiskeller von weniger als 30 Kubikmeter Inhalt waren nicht zweckmäßig, da die Umfassungsfläche im Vergleich zum Inhalt zu groß wurde.

Betrieb

Neben den baulichen Anforderungen gibt es in der Fachliteratur viele Hinweise zur Lagerung des Eises und des Kühlgutes:

Vor Entnahme des Eises auf den zugefrorenen Teichen und Flüssen sollten alle oberflächlichen Verunreinigungen und loser Schnee entfernt werden. Das Eis wurde mit Eissägen in möglichst gleichmäßige Stücke geschnitten. Das Herausheben der Eisstücke erfolgte mit Haken oder anderen Greifwerkzeugen.

Bevor im Winter das Eis eingebracht wurde, mussten sämtliche Türen des Eisraumes bei Frost geöffnet werden, so dass der Eisraum ausdünsten und abkühlen konnte. Auch nach der Befüllung mit Eis blieben im Winter bei Frost die Fenster und Türen des Eiskellers geöffnet, um die Erwärmung durch die umliegende Erde wieder auszugleichen.

Die Eisstücke mussten dicht und ohne Zwischenräume gelagert werden. Ein festes Zusammenfrieren der einzelnen Stücke wurde durch Aufschütten von Salzwasser auf jede Schicht erreicht.

Durch die Verdunstung des Schmelzwassers wurd die Luftfeuchtigkeit im Eisraum stark erhöht. Diese schlug sich an den Wänden und vor allem an der Decke nieder und tropfte von dort wieder auf das Eis, wodurch der Schmelzprozess beschleunigt wurde. Bei massiven gewölbten Decken wurde das Schwitzwasser deshalb vorteilhaft durch Ablaufrinnen aufgefangen und von diesen seitlich an die Wand geführt.

Das Betreten des Eiskellers außerhalb des Winters sollte nur in der Nacht erfolgen, am besten kurz vor Sonnenaufgang.

Wenn der Eisraum tiefer als der Kühlraum lag, war eine ausreichende Kühlung zum Ende des Sommers nicht mehr sichergestellt, wenn der Eisvorrat zum Teil schon geschmolzen war. Die kalte Luft sammelte sich in der Eisgrube, die warme Luft stieg nach oben.

Fleisch durfte nicht unmittelbar in die Eisräume kommen oder auf das Eis gelegt werden, weil es leicht beschlägt. Infolge der feuchten Luft bildete sich eine gallertartige, aus Pilzen bestehende Schicht, die dem Fleisch ein unansehnliches Aussehen gab und ein baldiges Verderben verursachte.

Eiskellerbauarten

Unter Eiskeller verstand man früher nicht nur die Bauwerke, die sich vollständig in der Erde befinden, und damit dem heutigem Begriff „Keller“ entsprechen. Auch oberirdische Eishäuser wurden häufig als Eiskeller bezeichnet. So ist zum Beispiel das Eishaus der heutigen Karl- Bonhoeffer-Nervenklinik in Berlin-Reinickendorf in den Plänen als Eiskeller eingetragen. Vor allem in Gebieten mit einem hohen Grundwasserspiegel wurden diese Bauwerke bevorzugt oberirdisch angelegt. Die Eiskeller lassen sich in der Theorie grob in sechs Bauarten unterteilen:
a) Eisgrube (auch Eiskuhle),
b) Eismiete (auch Eishaufen),
c) Eiskeller (unterirdisch und übererdet),
d) Eishaus aus Holz,
e) Eishaus aus Stein,
f) Spezialformen, zum Beispiel für die Markthallen Berlins.

Alle Ausführungen gab es sowohl mit wie auch ohne unmittelbar anschließende Lagerräume für das Kühlgut. Die Begriffe wurden von den verschiedenen Autoren allerdings nicht immer einheitlich genutzt, was bei einer fast 280 Jahren umfassenden Bibliografie nicht verwunderlich ist. Über die Verbreitung der tatsächlich errichteten Bauformen gibt die Literatur allerdings so gut wie keine Hinweise, da sich die Autoren fast ausschließlich an zukünftige Bauherrn gerichtet haben.

Eisgrube


Abb. 1-04: Querschnitt einer Eisgrube (um 1825).



Abb. 1-05: Querschnitt einer Eisgrube (um 1884).


Die Eisgrube – früher teilweise auch Eiskuhle genannt - ist anscheinend die älteste Bauform. Zumindest wird sie als erste in der Literatur beschrieben. Eine der ältesten bekannten Abbildung einer Eisgrube befindet sich in dem Buch "New Experiments And Observations Touching Cold" [1665/01], das 1665 von Robert Boyle herausgegeben wurde. Knapp fünfzig Jahre später, im Jahr 1731, erschien ein „Allgemeines oeconomisches Lexikon …“ [1731/01] im Verlag J. F. Gleditsch, Leipzig, das eines der ersten deutschsprachigen Lexika mit einer detaillierten Beschreibung einer Eisgrube ist: „Eine solche Eis-Grube muß an einem von der Sonnen-Wärme entlegenen Ort gegen Mitternacht [gemeint ist Norden], auf einem ganz trockenem Platze, zwey oder drey Claffter [1 Klafter entspricht etwa 1,80 Meter] weit nach dem Diameter [Durchmesser] gegraben, unten aber etwas enger gemacht werden. (...) Wenn die Eis-Grube unter freyen Himmel ist, muß sie mit einem kleinem Mäuerlein eingefangen, und mit einem guten stark abhängigen Dach wohl davon unterschieden und eingedeckt, auch gegen Morgen Mittag und Abend Bäume oder Sträucher hingesetzt werden (…).“

Die Seitenwände der Gruben bestanden aus Feldsteinen, Ziegelsteinen oder aus Holz. Der untere Bereich der Grube wurde mit groben Kies aufgefüllt, damit das Schmelzwasser sich dort sammeln und ablaufen konnte.Auf den Kies wurde eine Lage mit Brettern gelegt, auf der das Eis gestapelt wurde. Zur Isolierung gegen die Erdwärme wurde Stroh verwendet, das sich zwischen dem Eis und der Außenwand befand. Der Aufbau bestand aus einem kleinem Strohdach oder einem kleinem Holzhäuschen.

Diese Gruben wurden auch im 19. Jahrhundert in der Fachliteratur empfohlen. Sogar in der 1918 herausgegebenen 3. Auflage des Buches „Der Eiskellerbau“ [1918/01] von Schlesinger sind sie noch beschrieben.

Der Bau einer Eisgrube ist verhältnismäßig einfach. Auf einem großen Gutshof waren alle Baumaterialien vorhanden und die eigenen Arbeiter konnten diese Gruben ohne spezielle Baukenntnisse errichten. Es ist daher davon auszugehen, dass diese Bauform in ländlichen Gebieten verbreitet war. Genauso schnell ist dieses Bauwerk aber auch abzureißen, da man nur die hölzernen Aufbauten entfernen und die Grube verfüllen muss. Deshalb sind heutzutage nur relativ wenige Exemplare davon bekannt.

Eine derartige Eisgrube ist in Dannenwalde (Landkreis Prignitz) erhalten, allerdings ohne eine Abdeckung.

Eismiete


:Abb. 1-06 Eismiete (um 1903).
A=Eisraum, B=Eingangsschleuse, C=Stroh oder Rohrschicht.



Abb. 1-07: Eishaufen (um 1903).


Die Eismiete ist eine preiswerte Form der Eislagerung, da sie nur aus einem Holzgestell besteht, das mit Stroh oder Rohr bedeckt ist. Dieses Konstruktionsprinzip wird in der Fachliteratur von der Ende des 18. Jahrhunderts [1777/01] bis in das erste Viertel des des 20. Jahrhunderts beschrieben:

Der Boden wird stark 1 m tief, entweder flachtrichterartig ausgehoben und mit einer Schüttung von handgroßen Steinen, besser Ziegelbrocken, Schlacken oder Torfsoden bedeckt, oder muldenförmig ausgeschachtet und gepflastert. Zum Abfluss des Schmelzwassers in dem durchlassbar angenommenen Untergrund dient ein in der Bodenmitte angebrachtes Rohr. Auf der Abdeckung des Bodens wird noch eine Lage Bretter, Reisig oder Stroh als Unterlage des Eises aufgebracht. Über der Grube erhebt sich eine mit dicker Rohr- oder Stroheindeckung hergestelltes steiles Zeltdach, dessen Rundholzsparren am unteren Ende angekohlt und eingegraben, am oberen Enden an dem so genannten Kaiserstiel befestigt werden. Der Eingang, welcher auf allen Seiten dick mit Rohr oder Stroh eingedeckt wird, erhält 2, nur 1,60 m hohe Thüren, welche auf ihren äußernen Seiten mit Torfmull oder Strohmatratzen zu füttern sind. Zur Abhaltung des Regenwassers wird die Grube mit einer Rinne umpflastert.[1903/01] Über die Haltbarkeit dieser Konstruktionen gibt es keine Berichte, aber man kann davon ausgehen, dass sie nach wenigen Jahren erneuert werden musste, die Abdeckung vermutlich häufiger als das Holzgestell.

In Berlin und Brandenburg sind keine Überreste auffindbar. Leider ist aber auch kein Nachbau einer solchen Eismiete zum Beispiel in einem Freilichtmuseum vorhanden.

Es gab sogar noch einfachere Bauformen - den Eishaufen - bei der das Eis nur mit Torf, Erde und Stroh abgedeckt war und weder ein Holzgestell noch eine Eingangstür besaß. Zur Isolation des Bodens wurde teilweise neben Steinen und Torf genutzt. Zur Entnahme des Eises musste die Strohisolierung zur Seite geräumt und hinterher wieder gut verschlossen werden. Dies sollte nur nachts durchgeführt werden, am besten wenige Stunden vor Sonnenaufgang, wenn die Luft ihre Tiefsttemperatur erreicht hat. Die Höhe der Eishaufen sank mit der Verkleinerung des Eisvorrates. Dadurch musste die Abdeckung regelmäßig kontrolliert und ausgebessert werden. Derartig gelagertes Eis sollte aber auf keinem Fall mit Lebensmitteln in Verbindung kommen, da sich eine Verunreinigung durch Erde und Stroh nicht vermeiden ließ. Die Gefahr durch die Keime im Natureis war zu Beginn des 19. Jahrhunderts allerdings noch nicht bekannt.

Eiskeller


Abb. 1-08: Querschnitt übererdeter Eiskeller (um 1905).



Abb. 1-09: Eiskeller mit Pavillon.


Vollständig unterirdische Eiskeller waren sehr aufwändig im Bau. Vor allem das Ausschachten der Baugrube und die stabilere Ausführung der Wände, um den seitlichen Erddruck abzuhalten, verteuerten den Bau erheblich. Für die richtige Dimensionierung der Wand- und Deckenstärken war bautechnisches Fachwissen erforderlich. Weiterhin musste das Bauwerk gut gegen aufsteigendes Grundwasser oder versickerndes Oberflächenwasser isoliert sein. Aus diesen Grunde findet man in der Fachliteratur wenige Beispiele für vollständig unterirdische Eiskeller. Ein Ausnahme bilden hierbei die Lagerkeller der Berliner Brauereien, die im folgenden Kapitel 2 beschrieben sind.

Um die hohen Baukosten zu senken, wurden viele Eiskeller in offener Bauweise erstellt und anschließend mit einem kleinem Hügel übererdet. Die Eisgrube konnte dabei einige Meter versenkt sein. Vor allem in Gebieten mit einem hohem Grundwasserspiegel war diese Bauweise notwendig.

Da der Hügel sich wegen des Eiskellers an einem kühlen, gut belüfteten und schattigen Platz befand, wurde er in den Gärten des Adels auch gerne als Fundament für eine kleine Terrasse oder für einen Pavillon genutzt. Der Hügel konnte gleichzeitig für einen kleinen künstlich angelegten Wasserfall genutzt werden und wurde so in die Gartenarchitektur mit einbezogen. Er diente so als idyllischer Ruheplatz, Aussichtspunkt oder als Element einer Sichtachse.

Auch in der Literatur der Gartenarchitektur des 19. Jahrhunderts finden sich derartige Beispiele. Besonders hervorzuheben sind die Werke von Jean Charles Krafft [1809/01] , [1812/01]. Seine Gartengestaltung enthalten mehrere Entwürfe für Eiskeller in Verbindung mit großzügigen Gartenhäusern, Grotten und Wasserspielen. Ähnlich aufwändige Entwürfe entstanden bei einigen der Entwurfskonkurrenzen des Berliner Architektenvereins, die er seit 1827 monatlich unter den Mitgliedern des Vereins durchführte. Mehrfach war das Thema der Entwurf eines Eiskellers [2009/06]. Die Monatsaufgabe für den Oktober 1868 lautete: „Eine Orchester-Tribüne in reicher Holzarchitektur mit darunter liegendem Eiskeller und geschlossener Rückwand, in einem öffentlichen Garten für eine 40 Mann starke Kapelle. Verlangt: 1 Grundriss, 1 Ansicht, 1 Durchschnitt. Maasstab: 1/40 der natürlichen Grösse.“ [1868/01]

Übererdete Eiskeller mit einer Terasse kann man heute unter anderem im Schlosspark Biesdorf oder im Gutspark in Großziethen (bei Kremmen) ansehen. Beispiele ohne Terrasse sind der Eiskeller vom Schloss Wustrau (Landkreis Ostprignitz-Ruppin) aus dem Jahr 1750 und der Eiskeller in Markendorf, einem Vorort von Frankfurt (Oder). Unterirdische Eiskeller sind in Berlin und Brandenburg nur vereinzelt erhalten. Sie liegen auf Privatgrundstücken und sind nicht öffentlich zugänglich.

Eishaus aus Holz


Abb. 1-10: Eishaus Krankenhaus Friedrichshain (um 1876).


Die ersten Berichte über hölzerne Eishäuser stammen bereits aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Damals wurden sie auch als „Russische Eiskeller“ bezeichnet [1753/02]. Im 19. Jahrhundert änderte sich die Bezeichnung in „Amerikanische Eiskeller“, da die Eisindustrie in den Vereinigten Staaten hauptsächlich diesen Bautyp einsetzte [1870/02].

Eishäuser in Holzfachwerk waren eine preiswerte Alternative zum massiven Eiskeller. Die Eishäuser hatten eine doppelte Holzwand mit einem mindestens 40 Zentimeter breiten Zwischenraum, der mit Holzwolle, Schlacke oder Torf gefüllt wurde. Der Dachboden war aus Gewichtsgründen häufig mit Stroh ausgefüllt. Jedoch sind sie bauartbedingt sehr anfällig für Fäulnis und Schwammbildung und nicht im geringsten feuersicher.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie serienmäßig hergestellt und als Katalogware angeboten, wie zum Beispiel: „oberirdischen Eiskeller amerikanischen Systems aus Holz und Haspelmoorer Isolimulle hergestellt von Wilhelm Lesti, Baugeschäft in Thalkirchen bei München.[1910/01]. Angeboten wurden hier neun verschiedene Varianten. Gleichzeitig wird aber auch betont, dass die Gebäude in jeder gewünschten Form und Größe je nach Bedarf ausgeführt werden könnten.

In mehreren Berliner Krankenhäusern waren hölzerne Eishäuser vorhanden, so zum Beispiel im Zentral-Militärhospital zu Tempelhof [1880/01] (dem heutigen Wenkebach-Krankenhaus) oder auch im Krankenhaus Friedrichsfelde [1876/01]. Der therapeutische Nutzen von Eis war im 19. Jahrhundert bereits bekannt: „In der Chirurgie ist das Eis ein sehr wirksames Mittel bei Blutungen, vorzüglich nach Verletzungen und chirurgischen Operationen, (…). Bei inneren Krankheiten wird das Eis gleichfalls und zwar ähnlich wie in der Chirurgie sehr häufig angewendet, namentlich bei Entzündungen und Blutungen innerer Organe, z. B. bei Gehirnentzündungen, Blutandrang nach dem Kopf (Eisblase), bei Magenblutungen (Verschlucken kleiner Eisstückchen) etc.[1884/11].

Hervorzuheben sind die großen Eisspeicher der Natureiswerke, die im Kapitel 4 vorgestellt werden.

Von den Eishäusern aus Holz ist kein Exemplar mehr erhalten. Ihre Verbreitung ist heutzutage weitgehend unbekannt, da sie während ihrer Nutzung ein kaum beachtetes Zweckgebäude waren, die schon vor Jahrzehnten abgerissen worden sind.

Eishaus aus Stein



Abb. 1-11: „Kleines Kühlhaus nach dem patentiertem System von Constanz Schmitz“ (um 1903).



Abb. 1-12: Eishausbau städtische Irrenanstalt zu Dalldorf (um 1884).
[Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik Berlin-Reinickendorf.]


Relativ „jung“ sind Eishäuser aus Stein. Sie werden in der Literatur erst ab den 1870er-Jahren aufgeführt [1879/02]. Obwohl sie wesentlich teurer im Bau waren, hatten sie aber gegenüber den Holzkonstruktion neben der längeren Haltbarkeit noch weitere Vorteile. Innerhalb geschlossener Baugebiete war die Errichtung größerer Holzhäuser wegen der Feuergefahr bedenklich. Weiterhin war vor allem bei Kühlräumen für Fisch und Fleisch eine gute Belüftung und Reinigungsmöglichkeit aus hygienischen Gründen zwingend notwendig.

Die Isolierung erfolgte im 19. Jahrhundert durch Hohlmauern aus Ziegelsteinen, in denen nach Möglichkeit zwei bis drei Hohlräume eingebaut waren. Ab der Jahrhundertwende wurden Korkstein und Kieselgur als neuartiger Isolierstoff eingesetzt, später gab es die Möglichkeit die Gebäude aus Beton zu errichten [1913/01]. Letzteres lässt sich aber in Berlin und Brandenburg nicht nachweisen.

Größere Eishäuser stellten neu statische Anforderungen an die Bauweise der Mauern. Das Eis übt auf den Boden einen erheblichen Druck aus. Bei einer Eishöhe von fünf Meter lasten fast vier Tonnen Gewicht auf jeden Quadratmeter Bodenfläche! Dazu kommt auch eine mögliche Belastung der Seitenwände, da das Eis auch hier eine Kraft ausüben kann, wenn es sich während des Schmelzvorganges verschiebt. Das Centralblatt der Bauverwaltung berichtete 1899 über eine derartige Beschädigung eines Eisspeichers der Oranienburger Eiswerke am Lehnitzsee [1899/05].

Neben dem Bau von freistehenden Eishäusern gab es auch die Möglichkeit, den Eis- und Kühlraum in ein Gebäude platzsparend zu integrieren. Hierbei mussten die Innenwände und die Decke allerdings genauso gut isoliert werden wie die Außenwände.

Eine Sonderform waren runde Eishäuser. Sie hatten bessere Isoliereigenschaften, da hier eine geringere Oberfläche vorhanden war. Nachteilig war die runde Form allerdings dadurch, dass sie nicht in geschlossener Bauweise möglich war, sondern frei stehend errichtet werden mussten. Mehrere Berliner Krankenhäuser, die zum Ende des 19. Jahrhunderts in parkähnlichen Grundstücken errichtet wurden, hatten hierfür ausreichend Platz. Erhalten sind derartige Eishäuser in der Karl-Bonhoeffer-Nervenklinik, dem Krankenhaus in Buch und im „Krankenhaus Königin Elisabeth Herzberge“ in Lichtenberg.

Berliner Lebensmittelversorgung


Abb. 1-13: Eiskeller (gelb) im Keller der Markthalle IV (um 1899).


Mit der beginnenden Industrialisierung stieg die Bevölkerung zahl in Berlin ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts rasant an und es entwickelten sich untragbare hygienische Zustände in der Stadt. Der Epidemie-artige Ausbruch von Krankheiten wie Typhus und Cholera war zu befürchten.

Das größte Problem war die Abwasserentsorgung. Die Fäkalien der Berliner Bevölkerung wurde in Gruben gesammelt oder sie flossen über offene Rinnsteine zum nächstliegenden Gewässer ungeklärt ab. Auf dem selben Weg „entsorgten“ Gewerbebetriebe andere flüssige Abfälle, wie zum Beispiel das Tierblut aus den vielen kleinem Hausschlachtungen. Erst 1873 wurde der erste Teil der Berliner Kanalisation in Betrieb genommen. James Hobrecht (1825-1902) entwarf zwölf unabhängige Radialsysteme in denen das Abwasser zu einer Pumpstation floss. Von dort wurde es zu den ebenfalls neu angelegten Rieselfeldern gepumpt. Der Ausbau der Kanalisation im damaligen Stadtgebiet dauerte mehr als zwanzig Jahre

Das zweite große Problem war die Versorgung mit sauberem Trinkwasser. Bis zur Errichtung der Wasserwerke diente ungefiltertes Fluss- oder Grundwasser als Trinkwasser. Durch die ungewollte Versickerung der Abwässer in den Boden und das Einleiten von ungeklärtem Abwasser in die Flüsse wurde die Wasserqualität erheblich beeinträchtigt. Bereits 1853 eröffnete die private „Berlin Waterworks Company“ das erste Berliner Wasserwerk. Zunächst konnten sich aber nur die reichen Berliner diesen Luxus leisten.

Schließlich bereitete die Lebensmittelversorgung erhebliche Probleme. Beim Handel von Fleisch, Milch und anderen Wärme empfindlichen Lebensmitteln war eine durchgehende Kühlung oft nicht sichergestellt, vor allem nicht auf den Wochenmärkten mit ihren offenen Ständen. Zudem gab es keine Pflichtuntersuchung des Fleisches auf den Befall von Trichinen, einem auf den Menschen übertragbaren Parasiten.

1868 erließ die preußische Regierung aufgrund der Missstände im Schlachtgewerbe das Gesetz zum Schlachtzwang, das den Bau von kommunalen Schlachthäusern und die Schließung privater Schlachtereien vorsah. Der neue Central-Vieh- und Schlachthof in Lichtenberg wurde in den Jahren 1881 bis 1883 eröffnet.



Abb. 1-14: Eiskeller der Zentralmarkthalle I (um 1899).



Abb. 1-15: Querschnitt Markthalle V (um 1899).


Zur Abschaffung der offenen Wochenmärkte wurden ab 1883 Markthallen errichtet. „Berlin bekommt zunächst 14 Markthallen Vier davon, die Zentralhalle am Alexanderplatz und die Markthallen II-IV in der Friedrich-, Zimmer- und Dorotheenstraße, sind 1883 begonnen, 1885 eröffnet worden. 1888 wurden dem Verkehr übergeben die Markthallen V-VIII auf dem Magdeburger Platze, in der Invaliden-, Dresdener und Andreasstraße, und im Plane sind Markthallen für die äußern Stadtteile Moabit, Wedding, Gesundbrunnen, Schönhäuser Vorstadt, äußere Luisenstadt und Tempelhofer Vorstadt.[1884/11]. Die Markthallen verfügten selbstverständlich über Wasser- und Abwasseranschluss, Aufzüge und geeignete Lagerräume im Keller. Für empfindliche Lebensmittel standen Kühlräume bereit. Im Keller der Zentralmarkthalle I gab es zunächst vier Eiskeller mit Öffnungen in Ihrer Decke zum Einbringen des Eises. Nachdem in der benachbarten Zentralmarkthalle Ia neue Kühlräume mit einer Kühlmaschine angelegt wurden, wurden die alten Eiskeller als normale Lagerräume genutzt. Zusammen mit der Kühlmaschine wurde ein Eiserzeuger mit einer Leistung von 430 Kilogramm je Stunde aufgestellt. Die anderen Markthallen erhielten ebenfalls Eiskeller, so zum Beispiel die Markthalle II: „Das Kellergeschoß enthält fünf durch einen Vorraum zugängliche Eiskeller von 5,2 Meter Breite und 6,69 Meter Länge mit doppelten Wänden und Gewölben, deren 13 Zentimeter weite Zwischenräume mit Koaksasche ausgefüllt sind. Die inneren Thüren haben doppelte Wände mit dazwischen eingebrachter Füllung von Torfmull.“ Bei der Markthalle IV sind es zwei Eiskeller, bei den Markthallen V und VII je ein Eiskeller. In dem Erdgeschoßplan der Markthalle XII (Gesundbrunnen) ist eine Luke für den Eiseinwurf eingetragen [1899/01]. Inwieweit die anderen Markthallen ebenfalls Eiskeller besaßen, ist nicht bekannt.

Durch den Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau der Stadt sind die meisten Markthallen verschwunden. Infolge der seit den 1950er-Jahren auftretende Konkurrenz von Selbstbedienungs-Supermärkten sank die Bedeutung der Markthallen und die Stadtverwaltungen in Ost und West verzichteten nach dem Zweiten Weltkrieg auf ihren Wiederaufbau. Erhalten sind heute noch die Markthallen VI (Mitte, Invalidenstraße / Ackerstraße), IX (Kreuzberg, Eisenbahnstraße / Pücklerstraße), X (Mitte, Arminiusstraße) und XI (Friedrichshain-Kreuzberg, Marheinekeplatz). Von den Hallen III (Mitte, Zimmerstraße / Mauerstraße), IV (Mitte, Dorotheenstraße / Reichstagsufer) und VII (Friedrichshain-Kreuzberg, Dresdener Straße / Legiendamm) stehen nur noch die Vorderhäuser.

Molkereien


Abb. 1-20: Molkerei für 2500 Liter Milch pro Tag (um 1891).



Abb. 1-21: Domäne Zehdenick (Barnim). Eishaus und Milchkühlanlage (um 1910).


Die Kühlung mit Eis in Molkereien spielte bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts anscheinend ein untergeordnete Rolle, da die Milch lediglich von der Körpertemperatur der Kuh um etwa 20ºC abgekühlt werden musste. Bei dem in der Oekonomische Enzyklopädie [1803/01] beschriebenen Milchhaus mit einem Eisbehälter scheint es sich um eine Ausnahme zu handeln.

In dem 1853 erschienen „Handbuch des gesammten landwirthschaftlichen Bauwesens“ [1853/06] wird dagegen die Eiskühlung nicht erwähnt: „Das Molkenhaus muß eine Milchkammer oder einen Milchkeller, ferner Butterkeller, Käsestube und Molkenküche enthalten. Die gewonnene Milch, welche sofort nach dem Melken aus dem Stalle entfernt wird, damit sie nicht den Geruch desselben annehme, wird zum Ausrahmen nach einem besonderen, im Sommer kühlen, im Winter warmen Lokale, der Milchkammer oder dem Milchkeller getragen. Im Sommer erkaltet die Milch sehr langsam, man kühlt daher, um die Temperatur der Milchkammer, welche erfahrungsgemäß 10 bis 12ºR. [12,5 bis 15ºC] nicht übersteigen darf, nicht ungebührlich zu erhöhen, die Milch durch Einstellen der verzinnten, kupfernen oder messingenen Milchgefäße in kaltes Wasser ab. […] Im Holsteinschen, wo die Molkenwirthschaft unstreitig musterhaft betrieben wird, bewahrt man die Milch in Milchkellern, welche im Sommer kühl, im Winter warm, hinreichend groß und der Art sein müssen, daß ihre Reinhaltung auf leichte Weise bewirkt werden kann, auf. Der Milchkeller bedarf stets eine Lage nach Norden, ist gewöhnlich 1½ bis 2' tief im Boden, und über letztem so hoch als möglich angelegt, um den aufsteigenden Dünsten möglichste Gelegenheit zum Entweichen zu geben, und im heißen Sommer die erwünschte Kühlung zu befördern. […]“.

Ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts erforderten die immer größere Entfernungen zwischen Erzeuger und Verbraucher vor allem im Sommer eine wirksame Kühlung. Große Landwirtschaftliche Betriebe aus dem Berliner Umland transportieren ihre Milch mit der Eisenbahn nach Berlin. Mit der Einführung der Pasteurisierung stieg der Bedarf an Kühlleistung, da die Milch zunächst für wenige Sekunden auf über 70ºC erhitzt und anschließend möglichst schnell wieder gekühlt werden muss. Größere Molkereien konnten Kühlmaschinen einsetzen, bei kleineren Molkereien genügten anfangs noch Eiskeller. In dem 1904 herausgegebenem Buch „Eis und Kälte im Molkereibetrieb. Ratgeber bei der Einrichtung moderner Molkereibetriebe“ [1904/01] sind daher sowohl die Kühlung mit Kältemaschine wie auch mit Eis ausführlich beschrieben.

Die Versorgung der Berliner mit Milch ist untrennbar mit der 1879 gegründeten Meierei C. Bolle verknüpft. Strenge Qualitätskontrollen und eine durchgehende Kühlung der Milch waren ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Die Milch wurde ab den 1880er-Jahren mit Pferdegespannen („Bollewagen“) im gesamten Stadtgebiet ausgeliefert. Ob die Wagen im Sommer mit Eis gekühlt wurden ist noch zu recherchieren. Carl Bolle (1832-1910) war daneben auch der Besitzer der 1872 gegründeten Norddeutsche Eiswerke AG, die im Kapitel 4 beschrieben werden.

Friedhöfe und Anatomie-Institute


Abb. 1-16: Friedhofs-Kapelle mit Eiskeller
(um 1870). Berlin, Prenzlauer Berg.



Abb. 1-17: Anatomiegebäude zu Würzburg (um1888).


Ein weiterer Verwendungszweck des Eises war die Kühlung von Leichen, um den Verwesungsprozess zu verlangsamen.

Im 19. Jahrhundert war die Erdbestattung in Deutschland die übliche Bestattungsmethode. Für die Aufbewahrung der Särge bis zur Beerdigung gab es auf den Friedhöfen Leichenhallen, die zum Beispiel im Untergeschoss der Grabkapellen errichtet wurden. Hauptsächlich reichten hier die normalen Kellertemperaturen aus, da die Lagerzeiten der Säge relativ kurz waren. In der heute noch vorhandene Kapelle vom Friedhof II der Georgen-Parochial-Gemeinde in Prenzlauer Berg wurden dagegen an der Stirnseite zwei Eiskeller eingerichtet, die zusammen mit zwei Gängen für die kühle Luft die Leichenkammer von drei Seiten umgaben [1870/03].

Der jährliche Schinkelwettbewerb hatte 1876 das Thema: „Zentralfriedhof für Berlin“. In dem Entwurf von Richard Plüddemann waren mehre Leichenhallen enthalten, die jeweils einen Eiskeller besitzen sollten. Als Standort für Plüddemanns fiktiven Friedhof war Westend zwischen der heutigen Sophie-Charlotten-Straße und dem Schloß Ruhwald vorgesehen, einschließlich einer Überbauung der Ringbahn [1876/04].

In den anatomischen Instituten der Universitäten wurden zur Ausbildung der Studenten menschliche Leichen bzw. Tierkadaver benötigt, für die eine geeignete Lagerungen notwendig war. Das Handbuch der Architektur [1888/04] führt hierzu aus: „Diese Räume liegen vortheilhaft im Sockelgeschoss im Anschluss an den Leichenkeller und dessen Nebenräume. Der Leichenkeller soll den grössten Theil des zur Verarbeitung in den Präparir-Sälen und zur Anfertigung von Sammlungs-Präparaten bestimmten Rohmaterials aufnehmen. Während der Zeit zwischen den Präparir-Uebungen werden auch die unfertigen Arbeiten der Praktikanten im Leichenkeller untergebracht. Die Aufgabe des Architekten besteht hiernach darin, einen Raum zu schaffen, welcher der fortschreitenden Verwesung der Leichen möglichst wenig Vorschub leistet. In den meisten Fällen hat man sich damit begnügt, gewölbte Keller mit Luft-Isolirschicht in den bis zum Gewölbekämpfer mit Erde beschütteten Umfassungswänden anzulegen, deren wenige Fenster nach Norden gerichtet sind und mit hölzernen Läden verschlossen werden. Die Leichen werden auf Brettern rings an den Wänden direct auf den Steinfussboden oder auf niedrigen Pritschen gelagert. Für gute Lüftung und grosse Reinlichkeit ist selbstverständlich zu sorgen.“ Zusätzlich wurden auch Eiskeller errichtet, um die Temperatur vor allem im Sommer niedrig zu halten. Mehrere Anatomiegebäude, die einen Eiskeller besaßen, sind in der Fachliteratur aus dem 19. Jahrhundert erwähnt, wie das „Chemische Labor der Universität Greifswald” [186412], das „Anatomiegebäude in Berlin” [1866/09], das „Pathologische Institut der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn“ [1880/06], die „Anatomische Anstalt in Leipzig” [1877/05] sowie das „Anatomiegebäude zu Würzburg” [1888/04].

Die Eiskühlung war aber nicht ideal. Das große Probleme bei der Aufbewahrung der Präparate bereitete die hohe Luftfeuchtigkeit in den Räumen, die eine längere Lagerung unmöglich machte. Zudem war das Befüllen des Eiskellers teuer, wenn die Gebäude mitten in der Stadt lagen und das Eis mit Fuhrwerken vom Eiswerk geholt werden musste. Daher stellte man die Konservierung auf eine Behandlung mit chemischen Mitteln um: „In neuerer Zeit hat man die Injection mit fäulnisshindernden Stoffen, Karbol und arsenikhaltenden Flüssigkeiten, zur Erhaltung der Leichen auf sehr lange Dauer mit bestem Erfolg angewendet. Die zur Erzielung niedriger Temperaturen erforderliche Weiträumigkeit der Leichenkeller wird damit entbehrlich. Dieses Verfahren ist aber da nicht anwendbar, wo es sich um Aufbewahrung gerichtlicher Leichen handelt, weil bei diesen die Behandlung mit giftigen Stoffen nicht statthaft ist“ [1888/04].

Die andere Alternative war der Einsatz einer Kühlmaschine. Das Leichenschauhaus der Berliner Charité besaß bereits um 1885 eine eigene Kühlanlage [1885/17]. Die Ammoniak-Kältemaschine wurde von einer kleinen Dampfmaschine betrieben. Unmittelbar neben dem Maschinen-Raum lag der Leichenkeller (ca. 25,4 Meter x 10,3 Meter), in dem sich dreizehn Leichenzellen mit jeweils ca. 7 Quadratmeter Fläche befanden. Die Außenmauern waren 64 Zentimeter stark und in ihnen befanden sich zwei Luftschlitze zur Isolation. Unmittelbar über dem Leichenkeller befanden sich im Erdgeschoss die „Leichenausstellungs-Räume“ für das Publikum, die ebenfalls gekühlt werden konnten.

Fledermausquartier


Abb. 1-18: Zum Fledermausquartier ausgebauter Eiskeller mit Einflugöffnung und Hohlblocksteinen.



Abb. 1-19: Vermauerter Eingang zu einem Lagerkeller mit Hinweisschild „Geschütztes Fledermausquartier“.


In Brandenburg sind 17 verschiedene Fledermausarten heimisch. Viele von ihnen sind in ihrem Bestand gefährdet und vom Aussterben bedroht, unter anderem durch die Zerstörung von Totholzbeständen oder durch den Einsatz von Insektenschutzmitteln. Durch die Sanierung von Altbauten oder den Abriss von alten Bauwerken stehen weniger Standorte als Winterquartiere zur Verfügung, die die Tiere von September bis März zur Überwinterung aufsuchen.

Mehrere Eiskeller wurden als Fledermausquartier ausgebaut. Durch seine Isolierung gegen die Außentemperaturen und den Einfluß der Erdwärme ist er frostsicher und damit ein geeigneter Unterschlupf zum Überwintern. Einige Umbauten erleichtern den Fledermäusen die Überwinterung. In die Türen werden kleine Löcher als Einflugöffnung eingebaut. An den Wänden und Decken angebrachte Hohlblocksteine dienen als Schlafhöhlen.

Bekannte Fledermausquartiere in Brandenburg befinden sich im Lagerkeller der ehemaligen Ostquell-Brauerei in Frankfurt (Oder), sowie in den Eiskellern in Güldendorf , Glambeck, Wustrau, Waldhof Zoosten und in Julianenhof. Das Besichtigen der Eiskeller ist im Winter verboten, um die Fledermäuse nicht im Schlaf zu stören. Sie würden dann zu viel Energie verbrauchen und den Winter unter Umständen nicht überleben.

Startseite
(Stand 2. Januar 2014)

Inhaltsverzeichnis --- Eiskeller in Berlin --- Eiskeller in Brandenburg --- Vorheriges Kapitel --- Nächstes Kapitel