Kapitel 4: Eisfabriken


Anfang des 20. Jahrhunderts nahmen die ersten Berliner Eisfabriken ihren Betrieb auf, teilweise als Bestandteil großer Kühlhäuser. Zu ihrer Ausstattung gehörten üblicherweise Kesselhaus, Dampfmaschine, Tiefbrunnen, Kältemaschine, Eisgenerator und Lagerräume für das Eis. Die anliegenden Kühlräume wurden an andere Betriebe vermietet. Die Kältemaschine bot neben der Unabhängigkeit von der Witterung und dem Wegfall des hygienisch bedenklichen Natureises einen weiteren wesentlichen Vorteil, nämlich die erhebliche Senkung der Luftfeuchtigkeit in den Lagerräumen und -kellern. Die Kühlräume wurden gewerblich vermietet. Kleinere Betriebe, wie Hotels und Metzgereien, konnten es sich natürlich nicht leisten, extra eine Dampfmaschine zum Antrieb einer Kältemaschine zu betreiben. Sie waren noch Jahrzehnte hindurch auf die Lieferung von Eis angewiesen.

Eisfabrikation


Abb. 4-20: Eisfabrikation. (um 1894)


Die Funktion einer kleinen Eisfabrik ist im oben stehenden Bild dargestellt. Mittels eines Kompressors (A) wird ein Gas, wie zum Beispiel Ammoniak, verdichtet, und dabei erwärmt. Der Antrieb des Kompressors erfolgte über eine nicht im Bild sichtbare Dampfmaschine oder ein Wasserrad mittels Transmissionsriemen (T). Das unter Druck stehende Gas wird in einen Behälter geleitet (B), der gleichzeitig als Kondensator dient. Durch die Abkühlung auf die Umgebungstemperatur verflüssigt sich das Kältemittel. Das flüssige und unter Druck stehende Kühlmittel wird dann über eine Drosseleinrichtung zum Verdampfer geleitet, der sich im Eisgenerator (C) befindet. Durch die Verdanpfung kühlt es eine Salzwasserlösung. Anschließend wird es wieder vom Kompressor angesaugt und erneut verflüssigt (A). In die Salzwasserlösung werden auf der einen Seite leere Eiszellen eingelegt und mit Wasser gefüllt (D). Jedes mal, wenn eine gefrorene Reihe mit dem Kran (E) auf der gegenüberliegenden Seite herausgehoben wird, werden alle anderen Eiszellen um eine Reihe zum Kran hin verschoben. Mit dem Kran werden die Eiszellen zur Kippvorrichtung (F) gebracht und das Eis wird aus den Eiszellen herausgenommen. Anschließend wird das Eis in den Lagerraum gebracht. Diese Funktionen befanden sich prinzipiell bei allen deutschen Eisfabriken, auch wenn die eingesetzten Maschinen sich sehr stark in der Größe und Arbeitsweise unterschieden haben.

Eissorten

Beim Kunst-Eis unterschied man verschiedene Sorten: „Nach der »Zeitschrift für die gesamte. Kohlensäure-Industrie« versteht man unter Blockeis ein undurchsichtiges milchiges Eis, das aus Brunnenwasser hergestellt wird, welches während des Gefrierens nicht bewegt wird. Klareis ist fast durchsichtig, enthält aber einen kleinen trüben Kern. Zur Herstellung benutzt man ebenfalls Brunnenwasser, bewegt dasselbe aber während des Gefrierens, um möglichst alle Luft auszutreiben. Der noch Luft enthaltende Rest des Wassers erzeugt den trüben Kern. Krystalleis ist ein vollständig durchsichtiges Eis, das nur aus destilliertem oder sonst gut entlüftetem Wasser hergestellt werden kann.“ [1900/12]

Das Blockeis war am einfachsten herzustellen. Es unterschied sich aber optisch nicht vom qualitativ minderwertigem Natureis. Daher suchten die Ingeniere nach Verfahren, klares Eis herzustellen. Die Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure berichtet [1893/05]: „Gewöhnliches Brunnenwasser liefert nun nicht klares, sondern weißes, undurchsichtiges Eis, was von eingefrorenen Luftbläschen und im Wasser gelösten Salzen herrührt. Da Klar- oder Kristalleis wesentlich höher geschätzt wird und höheren Verkaufspreis zu erzielen vermag als milch-weißes Eis, so ist man stets bestrebt gewesen, Einrichtungen zu ersinnen, womit man - ohne zu große Kosten - kristallklares Eis herstellen kann. Seitens der Gesellschaft Linde sind verschiedene Einrichtungen und Verfahren eingeführt und angewendet worden, um diese interessante Aufgabe zu lösen. Zwei grundsätzlich verschiedene Verfahren sind hierbei in Gebrauch genommen worden. Bei dem einen wird das gewöhnliche Brunnenwasser beibehalten und behufs seiner Entlüftung während des Erstarrungsvorganges fortwährend relativ zur Gefrierfläche bewegt [...]“. Eine sehr verbreitete Methode dafür wurde von Linde entwickelt. In jede Eiszellen wurde ein Rührstab eingeführt, der das Wasser ständig in Bewegung hielt. Die Schwingungen des Rührstabes mussten allerdings währende des Gefrierens automatisch angepasst werden, damit der Stab nicht mit dem Eis im Berührung kam, das sich vom Rand aus zur Mitte hin bildete. Wenn das Eis zu etwa 80 Prozent gefroren war, musste der Rührstab entfernt werden und es bildete sich ein trüber Kern in der Mitte des Eisblockes.

Die höchste Qualitätsstufe war das „keimfreie Kristalleis aus destilliertem Wasser“. Dieses Eis war vollkommen klar. Das destillierte Wasser enthält keine Luft, Kalk und Salze. Außerdem wurde das Brunnenwasser durch das Destillieren sterilisiert. Zur Herstellung wurde mit dem Abdampf der Dampfmaschine ein Destillierapparat betrieben. Bei der weiteren Bearbeitung musste sorgfältig verhindert werden, dass das Wasser wieder Luft aufnehmen konnte.

Eis aus normalem Trinkwasser war selbstverständlich für den menschlichen Verzehr geeignet. Die Eisfabrik benötigte in diesem Fall keine eigenen Tiefbrunnen und Wasseraufbereitungsanlagen oder Destillierapparate. Die Kältemaschine konnte mit einem Elektromotor angetrieben werde, dadurch entfielen auch das Kesselhaus und die Dampfmaschinen. Lediglich die Werbewirksamkeit beim Verbraucher war der kritische Punkt. Um hier nicht als Eishersteller zweiter Klasse zu gelten verkaufte die Kunsteisfabrik Centrum 1915 ihr Eis mit unter der Bezeichnung „keimfreies Ozon-Eis aus städtischem Trinkwasser“.

In Deutschland wurde das Eis fast ausschließlich als Stangeneis verkauft. Die Stangen wogen zwischen 10 und 25 Kilogramm. Letztere waren etwa einen Meter lang und hatten einen Querschnitt von 20 x 20 Quadratzentimetern und sie benötigten zum Durchfrieren etwa 24 Stunden.

In England und den Vereinigten Staaten von Amerika gab es daneben auch das Platteneis. Hierbei wurde das Eis in Blöcken bis zu drei Tonnen Gewicht hergestellt. Sie waren bis zu 4,8 Meter lang, 2,4 Meter hoch und 35 Zentimeter dick.



Abb. 4-21: Eisgenerator (um 1927)

Berliner Eisfabriken

Die Berliner Kunsteisfabriken verdrängten den Natureishandel bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nahezu vollständig. Die hygienischen Probleme waren dem Kunden bewusst. Einige der alten Eiswerke stellten ihren Betrieb auf Natureis um, andere mussten den Betrieb einstellen.Bereits nach der Jahrhundertwende erlebte die Berliner Eiswirtschaft durch ein Überangebot eine erste Krise [1904/12]. In einem Vortrag über die „Bedeutung der deutschen Eisindustrie“ [1928/01] wurde 1928 zurückschauend über die früheren Probleme der Eisindustrie berichtet: „[…] Die Entwicklung der Eisindustrie in Berlin war in einem Tempo erfolgt, dem der Bedarf nicht schnell genug nachkommen konnte, so daß eines Tages eine starke Überproduktion vorhanden war, da neben dem nun im so großen Mengen hergestellten Kunsteis auch noch das Natureis große Bedeutung hatte. Es begann daher ein Kampf der Eisfabriken unter sich, dann aber auch gegen das Natureisgewerbe. Da die damit verbundenen Preisunterbietungen den Fabriken jede Rentabilitätsmöglichkeit nahmen, schlossen eine Reihe von ihnen ihre Pforten, die übrig gebliebenen vereinigten sich nach langen und schwierigen Verhandlungen im Jahre 1915 zur Groß-Berliner Kunsteis-Gesellschaft m.b.H. Dieser Zusamenschluß führte nun langsam zu einer Gesundung der Berliner Kunsteisindustrie, er liegt auch im wohlverstandenen Interesse der Verbraucher, denn er ermöglicht die Festsetzung ziemlich mäßiger Preise, bietet daneben aber auch die Gewähr für eine ausreichende Belieferung mit Eis selbst dann, wenn einmal auf einem Werk eine ja bei aller Sorgfalt nicht auszuschließende Betriebsstörung eintritt, weil in solchem Falle die anderen Werke vertraglich zur Aushilfe verpflichtet und dazu auch in der Lage sind, da sie sämtlich über starke Maschinenreserven und große Eisläger verfügen. […]“

Zur Groß-Berliner Kunsteis-Gesellschaft m.b.H. gehörten die Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen, die Eisfabrik Mudrack, die Kristalleiswerke Charlottenburg, die Treptower Eiswerke, die Schütteschen Eiswerke, die Eis- und Blockstationen in Charlottenburg, sowie die drei Gemeindeeiswerke von Steglitz, Lichterfelde und Neukölln an. Nicht angehörig waren die Norddeutschen Eiswerke Akt.-Ges., die Admiralspalast Akt.-Ges. und das Kühlhaus Zentrum [1913/06].


Im Berliner Adressbuch von 1940 [1940/01] sind unter „Eiswerke u. Eisfabriken“ folgende Einträge vorhanden:

  • Cöpenicker Eiswerke. Köpenick, Grünauer Str. 173.

  • Eisfabrik Hermann E. Mudrack. Reinickendorf, Residenzstr. 83. Entkeimtes Kristalleis, Kühl- und Gefrierräume.

  • Gesellschaft für Markt- & Kühlhallen. Kristalleis aus destilliertem Wasser.
    - Werk Südwest: SW11, Trebbiner Straße 5.
    - Werk Nordwest: NW40, Scharnhorststraße 29.

  • Groß-Berliner Kunsteis-Gesellschaft. Kristalleis - Trockeneis. W8, Mauerstraße 76.

  • Kaltenhauser. NW87, Kaiserin-Augusta-Allee 14.

  • Lichtenberger Eiswerk, Gertrud Laue. Rummelsburg, Prinz-Albert-Straße 19.

  • Norddeutsche Eiswerke A.-G..SO16, Köpenicker Str. 40.

  • Oberspree Betriebs- und Handels-Gesellschaft m.b.H. * Abt. Eiswerk. Fabrik Niederschöneweide, Spreestraße 12.

  • Raabe. Oberschöneweide, Irmhildstr. 38.

  • Schumann. Neukölln, Mittelbuschweg 6.

  • Thater, K.. Reinickendf., Residenzstr 31.

  • „Union” Eiswerk Conrad & Co. Köpenick, Lindenstr 18-21.

  • Zäske & Kohnle. Spandau, Frobenstraße 6.

Gesellschaft für Markt und Kühlhallen, Werk Südwest


Abb. 4-22: Kühlhäuser. (um 1902)



Abb. 4-23: Ammoniakkompressor. (um 1902)


Im Jahre 1902 nahm die Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen zwei neu erbaute Kühlhäuser am Gleisdreieck in Betrieb, in denen auch Eis hergestellt wurde. Die Gebäude lagen zwischen der Trebbiner und Luckenwalder Straße. Über deren Bau erschien in der Zeitschrift des Vereines Deutscher Ingenieure [1902/02] ein ausführlicher Beitrag: „[Es] waren vier Gebäude herzustellen: die beiden Kühlhäuser, das Maschinenhaus und das Verwaltungsgebäude, denen noch das ältere Haus Luckenwalder Straße 2 [hinzu] zuzählen ist, dessen Hofraum für die Durchfahrt benutzt werden konnte, und welches vermietbare Kontorräume für die größeren Kühlhausmieter sowie Beamtenwohnungen enthält. [...] Demzufolge erhielten die Kühlhäuser mit Einschluß der Kellergeschosse je acht Stockwerke von drei Metern lichter Höhe. Im Kühlhaus I werden zwei Stockwerkhöhen für den Eiserzeugungsraum in Anspruch genommen, sodaß im ganzen für Kühlräume 14 Stockwerke mit 8.300 Quadratmeter (zuzüglich der Hofunterkellerung 9.400 Quadratmeter) vermietbarer Bodenfläche erzielt werden konnten. [...] Der mehrerwähnte Umstand, daß die Mauerstärke der Kühlhäuser möglichst beschränkt worden ist, machte es nötig, den zum Schütze gegen das Eindringen der Wärme von außen anzuwendenden Mitteln um so größere Bedeutung beizumessen. […] Man entschloß sich im vorliegenden Falle zur Anwendung der von Grünzweig & Hartmann in Ludwigshafen ausgebildeten Korksteinisolierung, weil sich die Korksteinplatten organischer mit den übrigen Mauerteilen verarbeiten und verbinden lassen und sich namentlich der Belag der Fußböden und die Bekleidung der Decken damit einfach und sicher gestaltet. Von dem Berliner Zweiggeschäft der genannten Firma, die auch alle übrigen Isolierungen in den Kühlhäusern und im Maschinenhause hergestellt hat, wurden je zwei Schichten sorgfältig getrockneter und asphaltierter Korksteinplatten von je sechs Zentimeter Dicke mit einem Kitt aus bestem geruchlosem Steinkohlenpech, Harzöl und fein gemahlenem Korkmehl vermauert. Innen sind die Korksteinflächen mit einem zwei Zentimeter starkem Zementputz versehen. 8340 Quadratmeter Wand- und Bodenfläche sind auf solche Weise verkleidet. […] Das zweite Gebiet der Kälteverwendung betreten wir in dem Eisfabrikationsraume. Es sind zwei Eisgeneratoren aufgestellt, von welchen jeder täglich 50 Tonnen Eis herzustellen vermag. Der für einen dritten Generator vorgesehene Raum wird vorläufig als Eismagazin benutzt."

1978 wurde der Betrieb eingestellt. Von dieser Eisfabrik sind das leer stehende und unter Denkmalschutz [2009/02] stehende Kühlhaus II und das heute vom Deutschen Technikmuseum Berlin genutzte ehemalige Verwaltungsgebäude vorhanden. Ein weiteres Werk dieser Gesellschaft befand sich in der Scharnhorststraße 29 und gehörte zu DDR-Zeiten zum VEB Kühlbetrieb. Daneben gab es auch in Hamburg mehrere Kühlhäuser, die aber inzwischen alle abgerissen wurden [2000/01]. Noch heute betreibt die MUK AG als Rechtsnachfolger bundesweit Kühlhallen, so auch in Berlin in der Beusselstraße und Niemetzstraße.

Norddeutsche Eiswerke Berlin-Mitte


Abb. 4-24: Kühlhäuser (2010)




Abb. 4-24: Eisfabrik (2011)


1872 wurde die Norddeutsche Eiswerke AG durch Carl Bolle (1832-1910) gegründet und sämtliche Bolle-Eiswerke gingen in deren Besitz über. Auf einem 1893 erworbenen Grundstück an der Spree ließ die Norddeutsche Eiswerke A.G. zwischen 1896 und 1913 eine Wohn- und Fabrikanlage errichten. Sie befindet sich in der Köpenicker Straße 40-41 in Berlin-Mitte.Aus dem Jahr 1927 stammt folgende Notiz [1927/02]: “Die Gesellschaft wurde um 1872 gegründet und errichtete nach amerikanischem Muster in Cöpenick, Rummelsburg und Plötzensee große Holzschuppen zur Aufbewahrung von Natureis, welches in den dortigen Seen bzw. Flüssen gewonnen wurde. Anfangs entwickelte sich das Geschäft nur langsam und bewegte sich in bescheidenen Grenzen. Ende der siebziger Jahre wurden, da die in den eisarmen Wintern gewonnenen Natureismassen nicht ausreichten, kleine Eisfabriken an den genannten Stellen angelegt. Im Jahre 1896 entstand auf dem Grundstücke Cöpenicker Str. 40/41 das erste Kühlhaus für Konservierung von Lebensmitteln durch Kälte. In den Jahren 1913/14 folgt dann eine der modernen Kältetechnik entsprechende Kunsteisfabrik. Später wurde das Kühlhaus erweitert und modern eingerichtet. Die Kühlhäuser haben einen vermietbaren Flächenraum von rund 7.000 Quadratmetern. In der Eisfabrik können täglich bis 7.000 Zentner Kunsteis hergestellt werden. In dem Betriebe werden 80-100 Arbeiter beschäftigt.

Zur Eisfabrik gehören auch mehrere Kühlhäuser, die zur Dämmung mit 15 cm dickem Kork zwischen den Wänden ausgestattet sind. Die Eismaschine nach dem System Linde wurde 1914 hergestellt von der Maschinenfabrik und Eisengießerei Halle.

Nach dem zweiten Weltkrieg wurde die Fabrik enteignet und gehörte später zu DDR-Zeiten zum VEB Kühlbetrieb. Erst 1991 wurde vom letzten Betreiber, der Berliner Kühlhaus GmbH, die Eiserzeugung eingestellt, vier Jahre später der Kühlhausbetrieb eingestellt. Seitdem stehen die inzwischen unter Denkmalschutz [2009/02] stehenden Gebäude leer. Die Kühlhäuser wurden leider abgerissen, nachdem die Aufhebung ihres Denkmalschutzes beschlossen wurde.

Eisfabrik Mudrack

Diese Eisfabrik befand sich in Berlin-Reinickendorf zwischen der Stargardtstraße und der Thaterstraße. Zum 75-jährigem Jubiläum im Jahre 1931 erschien in der Zeitschrift „Kälte-Industrie“ [1931/02] folgende Beschreibung: „Im Jahre 1911, vor also 20 Jahren, stellten die Mudrackschen Eiswerke durch die Initiative des Herrn Wilhelm Rohrbeck die Natureisgewinnung ein und eröffneten die nach Rohrbecks Plänen und unter seiner Leitung erbaute heutige Eisfabrik für etwa 3.500 Zentner Kunsteis Tagesleistung, die im Jahre 1924 auf etwa 6.000 Zentner erweitert wurde. Gleichzeitig gliederte Herr W. Rohrbeck ein Kühlhaus von etwa 2.500 Quadratmeter Bodenfläche seiner Eisfabrik an. […] Die Gesamtleistung der 9 Kompressoren beträgt etwa 2 Millionen Kalorien stündlich. Die Gesamtleistung der Kraftmaschinen beträgt etwa 1.220 PS. Drei Kessel von je 100 Quadratmeter Heizfläche beschaffen den Dampf für den Antrieb der Kompressoren und das Destillat, aus dem das keimfreie Kristalleis hergestellt wird. Besonders bemerkenswert ist die verzweigte Brunnenanlage; aus sieben einzelnen Brunnen fördern die vertikalen Turbinenpumpen insgesamt etwa 500 Kubikmeter Wasser stündlich bei einer manometrischen Förderhöhe von 50 Meter. Das Eis wird in drei Eisgeneratoren ausgefroren, die je 40 Zellen à Kilogramm in einer Reihe fassen. An der 45 Meter langen Laderampe können 20 Fuhrwerke gleichzeitig beladen werden. Das Eislager faßt etwa 60.000 Zentner, so daß auch für lebhafteste Nachfrage in heißer Jahreszeit eine genügende Deckung vorhanden ist.

Eisfabrik des städtischen Elektrizitätswerkes Steglitz


Abb. 4-28: Eisgenerator (um 1915)



Abb. 4-29: Eislagerraum (um 1915)


Die Eisfabrik in Steglitz wurde um 1910 von der damals selbständigen Gemeinde errichtet und an das ebenfalls gemeindeeigene Elektrizitätswerk angeschlossen. Die Maschinen des Elektrizitätswerkes müssen immer auf den Maximalbedarf ausgerichtet sein. Dieser steigt naturgemäß immer nach Sonnenuntergang an, da die elektrische Beleuchtung eingeschaltet wird. Dadurch ergaben sich tagsüber Zeiten, in denen die Anlage nicht ausgelastet wurde. Eine Eisfabrik wurde als sinnvolle Ergänzung betrachtet, da der höchste Eisverbrauch im Sommer stattfand. Die Eiserzeugung konnte während der Spitzenzeiten eingestellt werden und vor allem die Randzeiten genutzt werden. Als besonders wirtschaftlich wurde ein 16-stündiger Betrieb der Eisfabrik angesehen.

Die Leistung der Eisfabrik war auf 100 Tonnen Kristalleis täglich (bei 20 Stunden Betriebsdauer) ausgelegt. Eine Verdopplung der Leistung war baulich vorgesehen. Die Räume des Eiswerkes befanden sich unter der Straßenbahnhalle, die unmittelbar neben dem Elektrizitätswerk lag. Das Eiswerk bestand aus Maschinenraum für die Kältemaschine, dem Eisgenerator-Raum, dem Eislager. Das Kondensat der Dampfturbinen vom Elektrizitätswerk diente zur Erzeugung des Klareises.

Über die weitere Entwicklung dieser Eisfabrik nach dem Ersten Weltkrieg liegen derzeit keine Informationen vor.

Das Ende

Auch in der Industrie, im Transportwesen und in der Gastwirtschaft wurde in den 1960er-Jahren kaum noch Eis benötigt, da die Kühlaggregate immer kleiner und nahezu wartungsfrei wurden. Die Eisfabriken wurden unrentabel und mussten schließen. Im Telefonbuch von 1960/61 sind nur noch vier Eisfabriken im Westteil Berlins aufgeführt:

  • Spandauer Eiswerke “Frami”, Horst Bäthge, Berlin-Spandau, Stresowplatz 7,

  • Eisfabrik Hermann E. Mudrack, Berlin-Reinickendorf 1, Residenzstraße 33,

  • Gesellschaft für Markt- und Kühlhallen Berlin SW61, Trebbiner Straße 5 und

  • Zäske, Marie, Spandau, Frobenstraße 6.

Der letzte Eintrag in einem West-Berliner Telefonbuch befindet sich in der Ausgabe 1972/73 und stammt vom Eiswerk Mudrack. Im Ostteil wurde wie bereits beschrieben noch bis 1991 Eis in der Eisfabrik in der Köpenicker Straße hergestellt.

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(Stand 02.01.14)

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